Willkommen im Leben
Wenn die Liebe erwacht



Angela Chase betrachtete die Welt durch den hochgezogenen Rollkragen ihres Acrylpullovers hindurch. Sie hatte das Gefühl sich unter Wasser zu befinden und die Dinge draußen in rosa gefärbtem Sonnenlicht und zwischen verschlungenem Tang hindurch zu sehen. So fühlt man sich wahrscheinlich, wenn man ertrinkt.

"Was wollen wir uns als Thema wählen?" fragte Frau Mayhew, die das Jahrbuch betreute.

Das Thema
, dachte Angela. Als wenn man eine ganze Schule voller Leute nehmen und unter ein Thema stellen könnte. Das war beinahe so lächerlich wie, dass sie auf Jordan Catalano stand, der mit Dingen wie Jahrbüchern oder Themen überhaupt nichts am Hut hatte. Oder mit ihr.

Aber sie hatte im Moment nichts anderes im Kopf als Jordan. Sein braunes Haar. Seine Schultern. Seine Art zu gehen und zu stehen. Das Wildlederband, das er um den Hals trug und das an jedem anderen doof ausgesehen hätte. Seine braune Jacke mit dem künstlichen Schaffellkragen, die gut und gerne jemand in einer miesen, alten Western-Fernsehserie hätte tragen können. Doch es war nicht nur sein Aussehen. Es waren seine Augen. Diese heller-und-klarer-als-du-das-erwartet-hast blauen Augen.

Ab und zu versuchte sie Jordan telepathische Botschaften zu schicken - einen Angela-Blitzstrahl oder so etwas. Denk so viel an mich wie ich an dich. Bitte! Aber ihr war klar: Telepathische Blitze fragen nicht und sagen auch nicht bitte. Sie, nun ja also, sie blitzen eben einfach nur auf.

"Er ist so er hat diese Art sich anzulehnen", hatte Angela ihrer Freundin Rayanne Graff am Morgen erzählt. Dabei konnte Angela nicht annähernd die richtigen Worte finden um Jordan so zu beschreiben, wie er war - ungeheuer attraktiv.

Vor ein paar Wochen, Anfang September, hatte Angela damit angefangen ihre Zeit mit Rayanne zu verbringen. Es hatte sich eines Tages auf der Mädchentoilette, wo sie mehr Zeit als in irgendeinem Klassenzimmer zu verbringen schien, einfach so ergeben. Und warum auch nicht, dachte Angela. Genau genommen lernte sie da drinnen mehr als im Naturkundeunterricht. Zum Beispiel, wie man Eyeliner aufträgt (von Rickie Vasquez, Rayannes anderem besten Freund, der gerne auf der Mädchentoilette herumhing, obwohl er da eigentlich nicht hingehörte). Wo man an Freitagabenden hinging. Warum nie Seife in den Seifenspendern war (weil immer mehr Schulpersonal wegrationalisiert wurde). Wie sie ihr Haar, dessen frühere langweilige, schmutzigblonde Naturfarbe sich in helles, feuriges Rot verwandelt hatte, zu einem französischen Zopf flechten konnte.

Sie, Rayanne und Rickie hatten es tags zuvor bei ihr zu Hause gefärbt.

"Was ist passiert?!" hatte Angelas Mutter gekreischt, als sie Angela zu Gesicht bekam - gerade so, als hätte sie einen schrecklichen Unfall gehabt. Ihre Mutter hatte offensichtlich gedacht, dass etwas total schief gelaufen wäre. Als wäre die neue Haarfarbe eine Riesentragödie. Patty Chase nahm alles ein bisschen zu ernst, oder sie nahm die falschen Dinge ernst und bekam die wichtigen überhaupt nicht mit. Seit kurzem brachte Angela es nicht mehr fertig zu Hause ausgewogen zu essen, weil das ihre Mutter so übertrieben glücklich machte. Als ob Angelas Essgewohnheiten irgendetwas mit irgendetwas zu tun gehabt hätten.

Wie auch immer - an einem Tag war also Sharon Cherski noch ihre beste Freundin gewesen und einen Tag später war es Rayanne. Angela konnte das noch nicht einmal richtig erklären. Sie hatte einfach das Gefühl gehabt, sterben zu müssen, wenn sie nicht mit Rayanne zusammenhing.

Die Sache mit Sharon ist mir langsam wirklich auf den Keks gegangen. Wie die Leute drauf sind! Wie sie ständig von einem erwarten, dass man sich immer auf eine bestimmte Weise benimmt. Sogar meine beste Freundin. Es ist ja gerade so, als ob sich niemand jemals ändern dürfte, noch nicht einmal seine Haarfarbe. Vielleicht sollte das Thema des Jahrbuchs ,Stillstand‘ sein, dachte Angela. Vollkommener und vollständiger Stillstand. So wie ein stinkender, vermooster Sumpf. Namens Liberty Highschool. Liberty, sprich Freiheit. Aber sicher doch. Tonnenweise Freiheiten, überall!

Als Rayanne Angela erklärte, sie müsse sich die Haare färben, war Angela gleich klar, dass sie Recht hatte. Und die Angelegenheit war schon deshalb aufregend, weil jemand wie Rayanne normalerweise noch nicht einmal Notiz von ihr nahm, geschweige denn, ihr Ratschläge gab. Ich will ja keine große Sache daraus machen, dachte Angela, aber das war schon irgendwie so was wie ein Durchbruch.

Angela lugte durch ihren Strickpullover hindurch zu Sharon hinüber, die neben ihr saß. Sharon hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass sie auf dem besten Weg war eine enorme Oberweite zu entwickeln und sie lehnte sich deshalb auf ihrem Stuhl ständig nach hinten - als wenn die Schulbänke nicht sowieso schon unbequem genug gewesen wären. Sharon ging angeblich mit einem Senior namens Kyle Vinovich oder so, hatte Angela gehört. Sharon vertraute ihr neuerdings nichts mehr an und umgekehrt war es genauso. Ihr Verhältnis zueinander war inzwischen reichlich verkorkst.

Frau Mayhew lief mittlerweile vorne im Klassenzimmer auf und ab und warf mit Themen um sich, als ob es sich dabei um Wegwerf-Rasierklingen handeln würde: "Der Tag der Zeugnisverteilung: Die endgültige Grenze. Der Apfel: Frucht der Erkenntnis. Das Jahr Zweitausend. Okay, Leute, lasst uns abstimmen. Wer möchte ,Die endgültige Grenze‘?"

Ich, dachte Angela. Jetzt auf der Stelle. Sie beobachtete, wie ein Junge links von ihr dem Mädchen vor ihm mit einem Strohhalm auf den Kopf tippte. Ein anderer Junge versuchte einen Bleistift auf seiner Nasenwurzel zu balancieren. Wie wär’s denn damit als Thema: Jungs und stabähnliche Objekte? dachte Angela. Brillen von Armani, das Jahrbuch von Freud. In einer Ecke des Zimmers war Brian Krakow, der offizielle Jahrbuch-Fotograf, damit beschäftigt den Belichtungsmesser seiner Kamera einzustellen.

"Also gut wir haben hier fünfzehn Leute, aber nur vierzehn abgegebene Stimmen. Wer hat nicht mitgestimmt?" fragte Frau Mayhew.

Angela tauchte langsam auf, indem sie ihren Rollkragen zum Hals hinunterzog. "Ich." Sie schnappte sich ihren Rucksack, stopfte ihr Notizbuch hinein und stand auf. "Ich will nicht ..."

"Wo gehst du hin?" Sharon starrte sie an.

"Ich schätze, ich will nicht am Jahrbuch mitarbeiten", sagte Angela. "Tut mir leid." Sie wandte sich um und marschierte Richtung Tür.

"Nun, würde es dir etwas ausmachen uns zu sagen, wieso?" fragte Frau Mayhew.

"Nein." Angela machte, die Hand bereits auf der Türklinke, eine kurze Pause. "Ich meine, ja." Sie blickte über ihre Schulter zurück zu Brian Krakow, der seine Kamera direkt auf ihr Gesicht gerichtet hielt. "Ich meine, ich weiß nicht, warum." Vielleicht, weil es in Jahrbüchern so etwas wie Schnappschüsse nicht gab. Niemand wollte die Leute so zeigen oder so sehen, wie sie wirklich sind. Meiner Meinung nach geht es bei Schuljahrbüchern darum, dass sie so gestellt wie nur möglich sind. Wo also ist dann der Witz dabei ein Jahrbuch zu machen?


Angela blinzelte. Rayanne blickte ihr so konzentriert wie ein Augenarzt in die Augen. "Lippenstift. Du brauchst definitiv einen neuen Lippenstift, der zu deinen neuen Haaren passt."

Angela zuckte die Achseln. "Wenn du meinst."

Rickie stand vor einem der Spiegel in der Mädchentoilette und kramte in Rayannes riesiger Schminktasche herum. Er wählte eine Farbe aus und warf Rayanne den Lippenstift zu.

"Also, Rickie", sagte Rayanne, während sie sich näher zu Angela beugte und die matte Farbe mit der Bezeichnung Autumn Sunset auftrug. "Angela hat sich in Jordan Catalano verknallt. Wir müssen ihr helfen."

"Rayanne!" rief Angela.

Rickie sah zu Angela hinüber und lächelte.

"Komm schon, Rickie kann ich’s doch erzählen." Rayanne trat zurück und verrieb den Lippenstift leicht mit ihrem kleinen Finger. "Ich weiß - komm heute Abend zu Tinos Party. Er wird da sein."

"Er kennt mich doch noch nicht einmal", seufzte Angela. "Wenn ich hingehe, werde ich einen Narren aus mir machen. Aber total!"

Rickie beugte sich zum Spiegel vor und verrieb einen kleinen Tupfer flüssigen Eyeliner auf seinem Lid.

"Seht ihr, ich bin nie total in einen Jungen verschossen, deshalb kenne ich solche Probleme nicht", sagte Rayanne selbstsicher und sah die beiden an, als wären sie verrückt.

Die Glocke schrillte und Angela sprang auf. "Das ist schon das zweite Klingeln!" Sie schnappte sich ihren Rucksack und schoss auf den Ausgang zu.

Dann blieb sie stehen. Rayanne und Rickie hatten sich keinen Zentimeter bewegt. Es war gerade so, als wenn die Pausenklingel in ihrem Leben überhaupt keine Rolle spielte. So, als wenn sie sie gar nicht gehört hätten. So, als ob sie eine dieser speziellen Pfeifen wäre, die nur Schwachköpfe hören konnten.

"Ich meine ich kann genauso gut in Bio gehen", sagte Angela lahm, während sie sich langsam durch die verschrammte Holztür hinausschob. "Wo ich doch sonst nichts vorhabe oder so."

Rayanne blickte sie an und zuckte mit den Achseln. Rickie fummelte ungeniert weiter an seinem Eyeliner herum. Angela wäre gerne so cool wie die beiden gewesen, aber sie brachte es nicht fertig die Stunde einfach zu schwänzen. Also ging sie zur Tür hinaus - und rannte, so schnell sie konnte, den Gang entlang.

"Ist Das Tagebuch der Anne Frank in der dritten Person geschrieben? Oder in der ersten Person?"

Angela starrte zur Decke hoch, wo eine flackernde Neonröhre kurz davorstand auszubrennen.

Frau Mayhew lief im Klassenzimmer auf und ab und wartete auf eine Antwort.

"Sagt sie: ,Sie war gezwungen sich zu verstecken‘?" Frau Mayhew legte eine Pause ein.

Angela sah Brian Krakows Hand in die Höhe gehen. Wie immer.

"Jemand anderes als Brian", schlug Frau Mayhew vor.

Niemand bewegte sich. Fräulein Mayhew seufzte.

"Brian?"

"Nein", sagte Brian. "Sie sagt ,ich‘."

"Das ist richtig! Sie sagt: ,Ich - ich war gezwungen mich zu verstecken‘. Das nennt man die ,erste Person‘. Klar? Das wird in der nächsten Arbeit gefragt. Und wie würdet ihr Anne Frank beschreiben?"

"Als glücklich", flüsterte Angela. Sie wollte es eigentlich gar nicht laut aussprechen; es war nur so ein Gedanke, der ihr durch den Kopf gehuscht war. Doch jetzt starrten sie plötzlich alle im Zimmer unverwandt an. Sogar Sharon.

Frau Mayhew blickte Angela stirnrunzelnd an. "Soll das etwa komisch sein?"

Angela warf Sharon einen hilfesuchenden Blick zu, aber Sharon starrte nur unbehaglich auf ihren Tisch hinunter.

"Wie kommst du bloß dazu so etwas zu sagen?" fragte Frau Mayhew sichtlich entsetzt.

Angela wollte etwas sagen, eine lahme Entschuldigung abgeben, obwohl ihr selbst nicht klar war, warum sie das gesagt hatte, außer dass es ihr durch den Kopf gegangen war und sie es offensichtlich bis zu einem gewissen Grad sogar glaubte. Da kam Jordan Catalano durch die Tür hereinspaziert. Beinahe wie zu ihrer Rettung.

Doch Frau Mayhew starrte Angela immer noch an und wartete auf eine Erklärung. Und Angela musste etwas sagen. Vor ihm. Was schlicht unmöglich war.

Sie warf Jordan einen Blick zu. Er tippte sich beiläufig mit einer Dose Mundspray gegen den Mund. Er kümmert sich darum, ob sein Atem frisch ist oder nicht. Gesundheits- und Kosmetikprodukte sagten eine Menge über einen Menschen aus. Brian Krakow zum Beispiel hatte von Sprays für frischen Atem bisher bestimmt noch nicht einmal gehört.

"Anne Frank kam in einem Konzentrationslager um! Wie konnte Anne Frank da glücklich sein?" wollte Frau Mayhew wissen.

"Ich weiß nicht", sagte Angela und wurde rot. "Weil sie drei Jahre lang mit diesem Jungen, den sie echt gerne hatte, in einem Speicher eingesperrt war?" Sie zuckte die Achseln.

Sharon glotzte sie mit hochgezogenen Augenbrauen ungläubig an. Angela wäre am liebsten im Erdboden versunken. Wieso sage ich solche Dinge? Wieso mache ich meinen Mund eigentlich überhaupt auf?


Frau Mayhew fischte ein schlabbriges Tunfischsandwich aus einer viereckigen grünen Plastikdose heraus.

Einer Lehrerin direkt beim Essen zuzusehen ist irgendwie schrecklich deprimierend. Ganz zu schweigen von ihrem BH-Träger. Wenn Angela, die erst seit ein paar Jahren einen BH trug, längst wusste, was sie tun musste, damit ihr der BH-Träger nicht herunterrutschte, warum schaffte das dann jemand, der zweimal so alt war wie sie, nicht?

"So, du willst also nicht mehr am Jahrbuch mitarbeiten", sagte Frau Mayhew und schob ihren BH-Träger zurück. "Und deine Haare sind jetzt rot. Ich mache mir wirklich Sorgen um dich, Angela. Was ist los mit dir?" Der BH-Träger kam schon wieder langsam über ihre Schulter heruntergerutscht.

Angela fummelte an ihrem Rucksackträger herum. "Ich weiß nicht. Mir kommt es nur so vor, als wenn man sich damit abfinden würde, eine bestimmte Persönlichkeit zu haben, ganz ohne Grund, oder vielleicht, um es den anderen Leuten einfacher zu machen. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, stellt man fest, dass man das vielleicht gar nicht ist."

Frau Mayhew mampfte ihr Sandwich. Ein Stück Stangensellerie fiel auf den Tisch. "Und was hat das damit zu tun, dass du das Jahrbuchteam verlässt?"

"Ich schätze Also, irgendwie hat’s jeder schrecklich eilig damit dieses Buch zu machen und jeden zu fotografieren und irgendwelches Zeug aufzuschreiben, damit wir uns alle daran erinnern können, was so gelaufen ist. Aber es ist gar nicht das, was wirklich passiert - sondern das, von dem alle denken, dass es passieren sollte", fuhr Angela fort. "Denn wenn man ein Buch über die wahren Geschichten machen würde ..."

Angela stellte sich bildlich vor, wie sie vor einer halben Stunde, gerade als Jordan Catalano den Raum betrat, einen hirnverbrannten Kommentar über Anne Frank abgelassen hatte. Sie dachte darüber nach, dass sie nicht mehr mit Sharon befreundet war. Über Rickie, der von den Sturköpfen gehänselt wurde, weil er bisexuell oder schwul oder einfach nur anders war als sie. Über Rayanne, die zu viel trank und nicht mit ihrem Vater zusammensein konnte, weil der sich aus dem Staub gemacht hatte. Und dass es ihr jeden Tag, wenn sie einfach nur den Korridor entlang an gewissen Typen vorbeimarschierte, so vorkam, als stünde sie vor einem Exekutionskommando.

"Würde man ein Buch darüber machen, was wirklich passiert, dann wäre das ein sehr aufwühlendes Buch."

Frau Mayhew wischte sich ein Stück Tunfisch von der Lippe, während sie zu Angelas Kommentar nickte.

"Wie auch immer, möchten Sie einen Kaugummi?" Angela hielt ihrer Lehrerin die Packung hin und lächelte schwach. Das ist nach Tunfisch praktisch ein Muss, hätte sie am liebsten hinzugefügt, riss sich aber gerade noch zusammen. Frau Mayhew schien noch immer sauer auf sie zu sein.

Angela sah sie an. "Also, ich sollte jetzt gehen. Wenn wir fertig sind, meine ich."

"Du wirst also nicht am Jahrbuch mitarbeiten, willst du das damit sagen?" fragte Frau Mayhew. "Ist das endgültig?"

"Ich schätze schon", sagte Angela. Warum kümmerte sich Frau Mayhew nur so darum, ob sie am Jahrbuch mitmachte oder nicht? Wahrscheinlich würde es sowieso darauf hinauslaufen, dass Sharon und Brian die ganze Sache alleine erledigen würden. Davon träumten die beiden doch schon seit dem zweiten Highschooljahr. Für alles verantwortlich sein.

Etwas, wozu Anne Frank nicht in der Lage gewesen war. Etwas, das nach Angelas Gefühl völlig unmöglich war. Eine Zeitlang hatte sie geglaubt, dass es Regeln gäbe und dass sich die Dinge in einer bestimmten Art entwickeln würden, solange man sich nur an diese Regeln hielt. Wenn man seine Hausaufgaben erledigte, gehörte man zu einer bestimmten Sorte Mensch. Wenn man sich am Unterricht beteiligte, galt man als gescheit. Wenn man warten konnte, erwarteten einen tolle Dinge - das hatte ihre Mutter ihr immer erzählt - tolle Dinge wie zum Beispiel ein Freund, ein perfekter Körper, Auszeichnungen, Stipendien.

Doch Angela glaubte an all das nicht mehr. Warum also ein Buch über einen Haufen Unwahrheiten machen? Wie konnte man sich später ein Foto des Schachclubs ansehen und sagen, das sei Brian Krakow gewesen? Vielleicht war er es ja aber vielleicht auch nicht. Vielleicht hätte sein wahres Ich besser in den Theaterclub gepasst. Natürlich war es völlig lächerlich ausgerechnet Brian Krakow als Beispiel zu nehmen. Wenn es irgendjemand gab, dessen Identität sich in den letzten fünfzehn Jahren nicht verändert hatte, dann war es Brian. Einmal ein Hirni, immer ein Hirni. Angelas Nachbar von nun an bis in alle Ewigkeit. Oder zumindest solange, bis sie aufs College kam. So lange konnte sie nicht warten.

"Frau Mayhew?" Angela drehte sich an der Tür um. "Werden auf dem College auch Jahrbücher gemacht?"


An diesem Abend strich sich Angela die Haare hinter die Ohren und stieß einen genervten Seufzer aus. So, das war’s also. Eine Party. Eine richtige Party. Bei Tino. Sie hatte Tino bisher zwar noch nicht kennengelernt, aber sie wusste einiges über ihn. Sie wusste, dass bei ihm die besten Partys stiegen. Und ihr war klar: Wenn sie anfangen wollte ihr Leben zu leben, anstatt zu Hause auf ihrem Bett zu liegen und nur darüber nachzudenken, dann musste sie sich einfach unter die Leute mischen, Jordan finden und anfangen sich mit ihm zu unterhalten.

Sie spähte über die Leute hinweg, die sie zu Dutzenden umringten und innerhalb des eingezäunten Gartens zu lauter Musik tanzten. Auf einer Bühne am Ende des Gartens kämpfte sich eine Band im grellen Scheinwerferlicht durch einen Song.

Angela war heilfroh, dass Tino nicht in ihrer näheren Nachbarschaft wohnte. Ihre Mutter war die Sorte Mensch, die glatt hinübergehen und der Band sagen würde, sie sollten die Lautstärke runterdrehen. Dann würde sie sich hinstellen und mit Tino ein Wörtchen darüber reden, was "anständig" und "rücksichtsvoll" und "richtig" ist. Total peinlich.

Für Angela war es an diesem Abend schon ein Riesenkampf gewesen überhaupt aus dem Haus zu kommen. Sie hasste es zu lügen. Sie war auch nicht gut darin. Und ihrem Vater zu erzählen, dass sie zu einer Theaterprobe ging, für die es Extrapunkte in der Schule gab, war eine doofe Idee. Und würde irgendwann auffliegen.

Angela starrte auf die vielen Leute und suchte verzweifelt nach Rayanne. Alles was sie erkennen konnte, war, dass alle jede Menge Schwarz und eine Menge Flanellhemden und Jeans trugen. Im Gegensatz dazu war sie selbst in ihrem kurzärmeligen Kleid mit den winzigen Blümchen garantiert zu sehr herausgeputzt. Aber im Augenblick war das noch ihr geringstes Problem. Sie musste Rayanne finden, unbedingt.

Plötzlich erhaschte sie einen Blick auf die Haare ihrer Freundin. "Rayanne!" schrie sie. "Rayanne!"

Rayanne nahm einen Schluck aus ihrem Flachmann und wandte sich in ihre Richtung. Doch sie schien Angela nicht zu sehen.

Angela drängelte sich durch die Menge auf sie zu. "Rayanne!"

Rayanne fing an wie wild zu winken und Angela begann sichtlich erleichtert zu lächeln. Vielleicht würde der heutige Abend ja wirklich mal Spaß bringen - wobei Spaß eine relative Sache war. Angela versuchte sich an einer Gruppe wild tanzender Jungen vorbeizudrücken. Der Garten hatte sich inzwischen in ein riesiges Schlammloch verwandelt und die Kampfstiefel der Jungs verursachten bei jedem Schritt schmatzende Geräusche.

Plötzlich sprang ein Typ auf die Bühne hinauf, hüpfte wieder hinunter und flog durch die Luft auf sie zu. Angela versuchte auszuweichen, rutschte aus und platschte bäuchlings auf den schlammigen Boden.

Langsam richtete sie sich auf und zupfte ihr schlammverschmiertes Kleid zurecht. Wortlos drehte sie sich um und stiefelte auf Tinos Haus zu. Vielleicht konnte sie sich im Badezimmer saubermachen.

Durch die Hintertür trat sie in das dunkle Haus. Sie schloss die Tür hinter sich, lehnte sich dagegen und stieß einen tiefen Seufzer aus. In diesem Moment entdeckte sie den Körper. Er lümmelte auf einem Sessel vor dem Fernseher, lümmelte da so flach und bewegungslos, als ob er schlafen würde - oder tot sei.

Dann bewegte sich der Körper.

Es war Jordan Catalano.


Leseprobe aus dem Buch zur TV-Serie / RTL2
WILLKOMMEN IM LEBEN - Wenn die Liebe erwacht
von Catherine Clark - DINO Verlag - ISBN 3-932268-05-9
Aus dem Amerikanischen von Günter W. Kienitz
Mit freundlicher Genehmigung des DINO-Verlag
Original: My So-Called Life